Politische Redekultur in der Vormoderne
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(Preis inkl. Mwst. )
| Autor(en): | Jörg Feuchter, Johannes Helmrath (Hrsg.) |
| Verlag: | Campus Verlag |
| Version: | 1. Auflage, 2008 |
| Umfang: | 254 Seiten |
| Format: | PDF: 3,65MB |
| ISBN: | 3593386801 |
| Bestell-Nr.: | 59338680P |
| Artikeltyp: | E-Book |
Leseprobe:
Oratorik – ein erfolgversprechendes Forschungsprojekt? (S. 23)
Josef Kopperschmidt
»Homo eloquens et auctoritate preditus facile omnes in suam sententiam trahit«
Enea Silvio Piccolomini
Vorbemerkung
Dieser Band soll nach dem Willen der Herausgeber das Konzept der Parlaments- »Oratorik« erproben. Musterhaft erscheint mir dieser Ansatz u.a. darin, dass er das erkennbar interdisziplinäre Kompetenzprofil seiner komplexen Fragestellung nicht nur rituell beschwört, sondern ihm durch eine systematische Vernetzung einschlägiger disziplinärer Teilkompetenzen methodisch gerecht zu werden versucht.
Dass die Rhetorikforschung bei einem an Oratorik interessierten Forschungsprojekt als einschlägig gilt, kann schwerlich überraschen, eher schon, mit welcher Gründlichkeit und Solidität ihr konkretes Beitragspotential gesichtet worden ist, etwas in Johannes Helmraths Forschungsüberblick aus dem Jahr 2006.
Dazu zählt auch und nicht zuletzt die behutsam vorgetragene Kritik am forschungsstrategischen mainstream des gängigen Rhetorikinteresses, das eher auf Theoriebildung gerichtet ist als auf eine Methodisierung dessen, was hier in Anlehnung an englisch »oratory« lieber »Oratorik« genannt wird denn praktische oder angewandte Rhetorik.
Dass diese Einschätzung fundiert ist, wird jeder gern bestätigen, der sich wie der Verfasser dieser Zeilen einmal an der Rede als Form öffentlich-politischen Handelns abgearbeitet hat und dabei nicht primär an der ästhetisch/ stilistischen Dimension von Rhetorizität interessiert war, sondern an deren konkreter Funktionalität im Kontext einer hoch komplexen, weil vielfältig mediatisierten und auch zeremoniell ritualisierten Situierungsdramaturgie.
Für ein solches Frageinteresse kann sogar das mit recht berühmte Taciteische Theorem zur Fessel werden, das besonders in Deutschland begeistert aufgegriffen wurde, weil es eine Erklärung dafür anzubieten schien, warum das deutsche Volk »so gar kein Volk des Wortes (sei)«, wie Thomas Mann 1918 meinte: »Beredsamkeit « – so die auch von Helmrath zitierte Herdersche Variante des gemeinten Taciteischen Theorems – »Beredsamkeit wohnte nur da, wo Republik war«.
Und wie nennt man das. was als politische Oratorik dort geschah, wo keine Republik war – etwa auf dem Nürnberger Parteitagsgelände? Waren das nur Schreiorgien, wie allzu feinsinnige Beoachter (etwa Victor Klemperer) meinten?
Ein Blick in – sit venia verbo – Hitlers »Mein Kampf«, Kapitel »Der Kampf der Zeit. – Die Bedeutung der Rede« könnte schnell darüber belehren, dass ganz so theorielos nicht war, was dort massenwirksam inszeniert wurde. Helmraths Warnung vor einer »anachronistischen Brille«8 ist daher eher eine sehr höfliche Umschreibung für das, was eine Rhetorik an Selbstblockade ihrer Entwicklungsmöglichkeiten und analytischen Kompetenz sich einhandelt, wenn sie ihre Geltungsbedingungen naiv enthistorisiert, das macht sie nicht nur für den Fall historischer Oratorik unterkomplex, sondern auch für eine zeitaktuelle Oratorik, der dann leicht in kulturkritisch gestimmter Larmoyanz jede oratorische Dignität abgesprochen wird.
Entsprechend diesen Vorbemerkungen verstehe ich meine Aufgabe im folgenden Beitrag darin, die Ansprüche an eine Rhetoriktheorie wenigstens umrisshaft zu skizzieren, wenn diese für ein auf Oratorik fokussiertes Forschungsprojekt hilfreich sein oder werden soll, das genauerhin ja sowohl ein historisches Oratorikprojekt ist wie ein im doppelten Sinne bereichsspezifisches, insofern es die historische Funktion der politischen Oratorik untersuchen und am Beispiel der Parlamentsoratorik konkretisieren will.
Wider den Reliquienkult Natürlich ist es nicht verwunderlich, dass es für eine Doppelausstellung wie die über das »Heilige Römische Reich Deutscher Nation 962 bis 1806« in Magdeburg und Berlin 2006 nicht nur Lob gab, sondern auch massive Kritik. So offenbart etwa deren konzeptionelle Anlage für Patrick Bahners beispielhaft »die Krise der historischen Ausstellung«, insofern sie einem »Reliquienkult« huldigt, der »einen ausschließlich mit Originalen illustrierten begehbaren Ploetz« schafft und mit seiner »abergläubischen Scheu gegenüber dem Abbild« und erklärenden Hilfestellungen ein »Staunen« belohnt, das nach »Begreifen« nicht mehr verlangt.
Wer wie der Verfasser dieser Zeilen die beiden Ausstellungen gleichsam als Einstimmung in die Thematik des Kolloquiums, das hier dokumentiert werden soll, nutzen wollte, dem wird in Magdeburg und Berlin deutlich geworden sein, dass die von Bahners monierte Tendenz zu »gedankenloser Verehrung kaiserlicher Dinge« noch eine andere Konsequenz impliziert. Man kann es mit Achatz von Müller, einem anderen Kritiker der Doppelausstellung, die konzeptionell bedingte »Unfähigkeit (nennen), das Unsichtbare sichtbar zu machen«.
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