Physik und Religion - Perspektiven und Grenzen eines Dialogs
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| Autor(en): | Hans-Dieter Mutschler |
| Verlag: | Wissenschaftliche Buchgesellschaft |
| Version: | 1. Auflage, 2005 |
| Umfang: | 294 Seiten |
| Format: | PDF: 1,03MB |
| ISBN: | 3534700430 |
| Bestell-Nr.: | 53470043P |
| Artikeltyp: | E-Book |
Stehen sich mit naturwissenschaftlichem und christlichem Weltbild zwei Modelle unversöhnlich gegenüber, zwischen denen sich keine verbindenden Elemente finden lassen? Hans-Dieter Mutschler stellt die Geschichte einer Auseinandersetzung dar und fasst zusammen, auf welchen Feldern Verständigungen möglich scheinen. Er zeigt aber auch, welche Modelle der Verständigung sich einer nur oberflächlichen Harmonisierung schuldig machen, die sich mit falschen Begriffen und Grundannahmen sowohl an der Religion wie an der Physik vergehen. Dazu gehören zahlreiche Versuche, ein naturwissenschaftliches Weltbild mit entsprechender Metaphysik zu schaffen, aber auch Syntheseversuche solcher Denker wie Carl-Friedrich von Weizsäcker, mit dem sich der Band intensiv auseinandersetzt. Der engagierte Schreibstil und die klare Darstellung laden ein, sich selbst eine Meinung zu bilden zu dieser Grundfrage der Religionsphilosophie.
Über den Autor:
Hans-Dieter Mutschler, geb. 1946, ist augenblicklich Professor an der philosophisch-pädagogischen Hochschule Krakau / Polen. Bei der WBG erschien der von ihm und Wolfgang R. Köhler herausgegebene Sammelband »Ist der Geist berechenbar? Philosophische Reflexionen« (2003).
Leseprobe:
3. Die Wissenschaftstheorie und der negative Gottesbeweis (S. 103-104)
3.1 Die Welt als ‘logischer Kristall’
Grundbefindlichkeiten ändern sich epochal. Sie geben einer Zeit den Stil vor. Durch Jahrhunderte, wenn nicht Jahrtausende war die Menschheit gewohnt, die Ordnung der Natur als Sinnordnung zu begreifen.Thomas von Aquin hätte das Wort ‘Sinnordnung’ überhaupt nicht verstanden. Er hätte eingewandt, daß es eine Ordnung ohne Sinn überhaupt nicht geben könne. Das zugrundeliegende erkenntnistheoretisch-ontologische Prinzip hat man die ‘Identität von Denken und Sein’ genannt. ‘Denken’ war hier eine Leistung der Vernunft und das entsprechende Prinzip besagte also, daß es Vernunft in der Welt gibt. Alles, was existiert, ist prinzipiell sinnvoll und kann daher auf seinen Zweck hin befragt werden. „Gott und die Natur machen nichts zwecklos", sagt Aristoteles.
Daß Aristoteles von ‘Gott’ und von der ‘Natur’ im selben Atemzug spricht, ist wiederum nicht zufällig, denn wenn die Natur zweckmäßig eingerichtet ist und wirkt, dann kann man immer nach einem Garanten dieser Zweckmäßigkeit fragen. Daher die Plausibilität des teleologischen Gottesbeweises. Diese fraglose Plausibilität ist uns heute abhanden gekommen. Die Physik beschreibt eine Ordnung der Natur, die keine Sinnordnung mehr ist, wodurch der teleologische Gottesbeweis seine argumentative Kraft verloren hat.
Man kann die Bedeutung dieses Übergangs von einer Sinnordnung zu einer mathematisch-physikalisch beschreibbaren, rein syntaktischen Ordnung nicht hoch genug einschätzen: Die Semantik verdampft aus der Welt, ihre Sinnperspektiven verschwinden.
Weizsäckers informationstheoretische Deutung der Quantentheorie ist der Versuch, sich diesem epochalen Übergang zu verweigern. Er möchte bei der traditionellen Sinnordnung stehen bleiben und trotzdem moderne Physik treiben. Daher die Ambivalenz seiner Synthese.
In diesem Kapitel möchte ich Physikalisten vorstellen, die streng bei der Sache bleiben. Sie ersetzen das Prinzip einer ‘Identität von Denken und Sein’ durch das einer ‘Identität von Logik und Sein’, wenn man unter ‘Logik’ die neueren Entwicklungen der Formalwissenschaften seit Boole, Frege, Bolzano, Russell, Tarski, Gödel oder Church versteht.Wir treten damit in eine neue Welt ein, die man mit der Metapher des ‘logischen Kristalls’ beschreiben könnte. Der Kristall ist zeitlos, im wörtlichen und im übertragenen Sinne ‘durchschaubar’. Er ist die Stoff gewordene Mathematik.
Bei Plato war das Mathematische zusammen mit dem Psychischen die Vermittlungsinstanz zwischen der Welt der Erscheinungen und den Wesensgründen oder ‘Ideen’. Aristoteles hat ihn dafür getadelt. Er war der Meinung, daß man den Weltgrund, wenn er der Philosophie erreichbar sein soll, vom Mathematischen abtrennen müßte. Daher bezog Aristoteles das Mathematische nur auf die akzidentellen Aspekte des Seienden und interpetierte die eigentlichen Substanzen teleologisch, wodurch sich die Konzeption einer Welt als Sinnzusammenhang ergab, eine Welt, die hierarchisch- stufenförmig durchseelt war.
Die hier zu behandelnden Physikalisten sind strenge Gegner aller Teleologie, alles Psychischen, Innerlichen. Bleiben Mathematik und Logik als Vermittlungsinstanz. Das von ihnen gehaltene Prinzip einer ‘Identität von Logik und Sein’ entgöttert die Welt und verwandelt sie in ein bloßes Rechenexempel. So zieht z.B. Steven Weinberg in seinem Buch über „Die ersten drei Minuten" (der kosmologischen Entwicklung) folgendes lapidare Fazit: „Je begreiflicher uns das Universum wird, umso sinnloser erscheint es auch." Das ist nichts als die logische Konsequenz aus der im ersten Kapitel beschriebenen ‘Desanthropomorphisierung’, die mit einer Formalisierung des Weltbildes verbunden ist. Es ist klar, daß diese Dynamik dem religiösen Glauben den Boden entzieht.Von daher bekennt sich Weinberg ohne Wenn und Aber zum Atheismus.
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