Mystische Erfahrung und mystisches Wissen in den mittelenglischen Cloud-Texten
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(Preis inkl. Mwst. )
| Autor(en): | Karl-Heinz Steinmetz |
| Verlag: | Akademie Verlag GmbH |
| Version: | 1. Auflage, 2003 |
| Umfang: | 310 Seiten |
| Format: | PDF: 3,25MB |
| ISBN: | 3050040114 |
| Bestell-Nr.: | 05004011P |
| Artikeltyp: | E-Book |
Willibald Steinmetz
Mystische Erfahrung und mystisches Wissen in den mittelenglischen Cloud-Texten
2005. 309 S., gb.
ISBN 978-3-05-004011-0
Veröffentlichungen des Grabmann-Institutes zur Erforschung der mittelalterlichen Theologie und Philosophie, Bd. 50
Ein anonymer Autor hat im letzten Viertel des 14. Jahrhunderts in England Schriften zur geistlichen Theologie verfaßt, für die sich in der Forschung der Arbeitstitel "Cloud-Gruppe" eingebürgert hat. In den sieben Werken dieser in mittelenglischer Sprache verfaßten Textgruppe bringt der anonyme Autor ein mystisches Wissen zur Sprache, mit dessen Hilfe man sich in die Fähigkeit zur mystischen Einungserfahrung (nicht in die Erfahrung selbst) einüben und den Weg dorthin deuten und verstehen kann. In dem hier vorgestellten Buch wird dieses mystische Wissen der Cloud-Gruppe mit dem zentralen Thema der mystischen Einungserfahrung von Karl-Heinz Steinmetz erhoben und dargestellt.
Aus dem Inhalt:
Einführung
1. Cloud-Autor und Cloud-Gruppe
2. Was ist "mystische Erfahrung"?
3. Mystische Erfahrung in der Cloud-Gruppe
Teil A: Rahmen des mystischen Wissens
Onto-trinitarische Verankerung der mystischen Erfahrung
Anthropologische Bedingungen der mystischen Erfahrung
Gnadentheologische Bedingungen der mystischen Erfahrung
Form of living zwischen Theologie und Sozialgeschichte
Discretio in der Cloud-Gruppe und in der Frömmigkeitstheologie
Auswertung: Form of living und devotio anglicana
Teil B: Mitte des mystischen Wissens
Von der Schriftoffenbarung zum Gebet
Vom Gebet zum kontemplativen Vollzug
Konkrete Beschreibungsformen des kontemplativen Vollzugs
Auswertung: Schwerpunkte in der Theologie der Kontemplation der Cloud-Gruppe
Teil C: Mystische Einung als Ziel des mystischen Wissens
Seelengrund, Einung und Einungserfahrung
Auswertung: Skizze zum Diskurs um die affectuositas
Leseprobe:
Teil C: Ziel des mystischen Wissens (S. 231-232)
1. Seelengrund, Einung und Einungserfahrung
1.1 Seelengrund
Das Theologumenon des Seelengrunds stellt eine Antwort auf die Frage nach dem „Wo" der mystischen Einung dar. Einen guten Einstieg in diese Fragestellung gewährt ein Abschnitt aus dem fünften Buch von ‚De consideratione’ des Autors Bernhard von Clairvaux, den der Cloud-Autor in die ‚Wolke des Nichtwissens’ eingebaut hat: Bernhard deutet in diesem Abschnitt die Stelle Eph 3, 18, die Gott „vier Dimensionen" zuschreibt: Gleichwohl Gott keine räumlichen Dimensionen hat, darf man doch von einer Länge Gottes sprechen, die Seine Ewigkeit symbolisiert, von einer Breite, die für die Liebe steht, von einer Höhe, die Seine Macht und von einer Tiefe, die Seine Weisheit bezeichnet1 . Weil der Mensch als imago Dei erschaffen hat besitzt auch der menschliche Geist die vier Dimensionen von Länge, Breite, Höhe und Tiefe: Bernhard zeigt, wie den vier göttlichen Dimensionen während der Meditation vier Gebetsmomente des menschlichen Inneren entsprechen2 . Der Cloud-Autor betont besonders die anthropologische Relevanz der vier Dimensionen: Die Länge des Geistes steht für das Beharrlichkeitsvermögen, die Breite des Geistes bezeichnet die alles umfassende und vereinigende Liebesfähigkeit, die Höhe des menschlichen Geistes entspricht seiner geistigen Kraft, die Tiefe entspricht der Tiefgründigkeit, mit welcher er die Fülle des Geistigen durchdringen kann. Will man freilich von der Meditation zur Kontemplation voranschreiten und den Ort der mystischen Einung aufsuchen, dann reicht ein solcher vierdimensionaler Raum nicht hin. Es muss ein Ort gefunden werden, an dem die vier Di- mensionen in einem Einheitspunkt zusammenfallen1 . Nur ein solcher Einheitspunkt, aus dem sich der „dimensionale Geist" des Menschen entfaltet, könnte die Bedingung der Möglichkeit einer bewusstseinshaften Einung mit dem einheitlichen Gott darstellen. Dieser Wurzelpunkt der Liebe (vgl. Eph 3, 18: „in caritate radicati et fundati") wird in der christlichen Tradition mit dem Theologumenon des „Seelengrundes", der „Seelenwurzel", des „Seelenfunkens" und der „Tiefe oder Spitze des Geistes"2 zur Sprache gebracht.
Die Theologiegeschichte des Seelengrundes kann hier nicht nachgezeichnet werden. Einige Schlaglichter müssen genügen: Unter Rückgriff auf stoische oder proklische Topoi wird der höchste Ort der Gottesbegegnung in der lateinischen Theologie als apex mentis , acies mentis oder synderesis bezeichnet. Mit neuplatonischer Anregung und durch theologische Reflexion entstehen lateinische Begriffe wie abditum mentis, radix animae und fundus animae für den Seelengrund. Auf die neuplatonische und christlich umgeformte Lichtmetaphysik verweist das Bild des Seelenfunkens, der scintilla anima e . Solche gebetspsychologische Terme sind zwar einerseits das Ergebnis einer spekulativ- theologischen Reflexion, fußen aber zugleich in einem biblischen Substrat wie Ps 41, 8, Dt 4, 24 und Eph 3, 17 – biblische Stellen, die bei der Interpretation mit berücksichtigt werden müssen3 .
Zuerst einige Details zu den volkssprachliche Äquivalenten in der mittelenglischen Instruktionsliteratur: Die Terme syntheresis und radix animae, die Richard Rolle in seinen lateinischen Schriften durchaus gerne verwendet4 , bereiten der volkssprachlichen Rezeption offensichtlich einige Schwierigkeiten, weswegen sich in mittelenglischen Texten kaum Entsprechungen finden. Die scintilla wird hingegen als sparkel übertragen, wie das etwa bei Walter Hilton und in der Cloud-Gruppe geschieht5.
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