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Die soziale Konstitution der Umwelt
 

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Die soziale Konstitution der Umwelt

 
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(Preis inkl. Mwst. )

Autor(en): Klaus Kraemer
Verlag: VS Verlag für Sozialwissenschaften (GWV)
Version: 1. Auflage, 2008
Umfang: 285 Seiten
Format: PDF: 1,54MB
ISBN: 3531158309
Bestell-Nr.: 53191028P
Artikeltyp: E-Book
 

Umwelt: soziologisch

Soziale Fragestellungen werden in der Umwelt- und Nachhaltigkeitsdebatte entweder ausgeblendet oder nachrangig behandelt. Demgegenüber bietet das Buch einen allgemeinen soziologischen Zugang zur sozialen Dimension von Umwelt. In den Mittelpunkt werden soziale Praktiken gerückt, die die physische Umwelt umgestalten und transformieren. Die Analysen zur "sozialen Konstitution von Umwelt" bilden die Grundlage für eine soziologische Kritik der verschiedenen Nachhaltigkeitskonzepte. In Abgrenzung zum naturalistischen Primat der Nachhaltigkeitsdebatte werden gesellschaftliche Gestaltungsspielräume ausgelotet, die sich nicht in reinen Anpassungsleistungen an die physischen „Grenzen des Wachstums“ erschöpfen. Insbesondere werden soziale Chancen zur erweiterten – nachhaltigen – Inwertsetzung von Umweltpotenzialen in den Blick genommen, die zu einer Entschärfung ökologischer und sozialer Zielkonflikte beitragen können.

Aus dem Inhalt

Die soziologischen Defizite der Nachhaltigkeitsdebatte - Umwelt in der Umweltsoziologie - Umwelt in der soziologischen Theorie - Die soziale Konstitution von Umwelt - Umwelt und Verteilung - Umwelt als sozialer Konflikt - Umwelt und soziale Integration


Leseprobe:

IV. Umwelt in der soziologischen Theorie (S. 53-54)

Die Frage nach der Konstitution von Gesellschaft steht im Mittelpunkt der modernen soziologischen Theorie. Handlungs-, Konflikt-, kommunikations- und systemtheoretische Ansätze verfolgen hierbei ganz unterschiedliche Strategien und Zugänge. Je nach erkenntnistheoretischem Interesse und konzeptioneller Architektonik werden grundverschiedene Aspekte der Konstitutionsproblematik von Gesellschaft aufgeworfen. Bereits allen verwendeten Grundbegriffen wie Handlung und Struktur, Individuum und Gruppe, Klasse und Schicht, Konflikt und Herrschaft, System und Kommunikation ist jedoch gemeinsam, dass die Relation Umwelt- Gesellschaft – im Sinne der Vergesellschaftung von Umwelt und der Materialität von Gesellschaft – kaum hinreichend reflektiert und in die Konstitutionsproblematik eingearbeitet wird.

Gerade vor dem Hintergrund der Herausbildung der Soziologie als eigenständige akademische Disziplin im Verlauf des 19. Jahrhunderts kann nachvollzogen werden, dass klassische soziologische Theorieansätze die Interaktion von Umwelt und Gesellschaft aus zunächst nachvollziehbaren Gründen ausgeklammert haben. Zwar hat die Soziologie immer schon Gesellschaft nicht in einem naturfreien Raum verortet. Gleichwohl hat sie ihren Forschungsgegenstand in Abgrenzung zu naturalistischen Strömungen zu bestimmen versucht, die beispielsweise die Variabilität des menschlichen Verhaltens mit dem Hinweis auf unterschiedliche Klimazonen oder naturräumliche Besonderheiten erklären, die Geschichte von Gesellschaften darwinistisch bzw. evolutionsbiologisch interpretieren, die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung auf biologische Unterschiede zurückführen oder die psychischen Triebstrukturen und – neuerdings – die genetische Erbausstattung der Menschen als alles entscheidenden Erklärungsfaktor in den Mittelpunkt rücken. Die Geschichte der Soziologie im ausgehenden 19. und im Verlauf des 20. Jahrhunderts ist deswegen immer auch eine Geschichte der Auseinandersetzungen mit dem Sozialdarwinismus, dem Klimadeterminismus, dem Rassismus oder der Soziobiologie gewesen.

Die Zurückweisung naturalistischer Ansätze ist gerade für die Gründergeneration der Soziologie von Durkheim über Simmel bis Weber von konstitutiver Bedeutung gewesen (vgl. Grundmann 1997b). So wendet Durkheim in der Studie Über die Arbeitsteilung (1988: 323) aus dem Jahr 1893 gegen Herbert Spencer ein, dass die Strukturen der sozialen Arbeitsteilung letztlich nicht auf die Verschiedenheit der Bodenbeschaffenheit und der klimatologischen Bedingungen in unterschiedlichen geografischen Räumen zurückgeführt werden kann: „Zweifellos zeichnen die äußeren Bedingungen die Individuen, die unter ihrem Einfluß leben, insofern sie verschieden sind, differenzieren sie diese Individuen.

Es handelt sich indessen darum zu erfahren, ob diese Verschiedenheit, die zweifellos nicht ohne Beziehungen zur Arbeitsteilung ist, genügt, um diese zu veranlassen. Gewiß kann man sich erklären, daß die Einwohner je nach den Eigenschaften des Bodens und den Klimabedingungen hier Weizen und dort Schafe oder Rinder erzeugen. Aber diese Funktionsunterschiede erschöpfen sich nicht immer, wie in diesen beiden Beispielen, in einfachen Nuancen. Sie sind vielmehr manchmal so ausgeprägt, daß die Individuen, zwischen denen die Arbeit geteilt wird, entsprechend viele unterschiedliche und sogar entgegengesetzte Gattungen bilden. (...) Was haben der Dichter, der in seinem Traum, und der Gelehrte, der ganz in seine Untersuchungen ver sunken ist, der Arbeiter, der sein Leben damit verbringt, Nadelköpfe zu machen, der Bauer, der hinter dem Pflug geht, der Kaufmann hinter dem Ladentisch gemeinsam? Wie groß auch die Varietät der äußeren Bedingungen sein mag, sie weist nirgends Unterschiede auf, die mit derartig starken Gegensätzen vergleichbar wären, und kann diese auch kaum erklären."

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