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Der gefesselte Odysseus.
 

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Der gefesselte Odysseus.

Studien zur Kritischen Theorie und Psychoanalyse (Frankfurter Beiträge zur Soziologie und Sozialphilosophie, Band 11)
 
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Buchausgabe: 24,90€
Download-Version: 20,99€

(Preis inkl. Mwst. )

Autor(en): Joel Whitebook
Verlag: Campus Verlag
Version: 1. Auflage, 2009
Umfang: 244 Seiten
Format: PDF: 1,51MB
ISBN: 3593384981
Bestell-Nr.: 59340497P
Artikeltyp: E-Book
 

Joel Whitebook verbindet Kritische Gesellschaftstheorie mit der Erforschung psychodynamischer Prozesse. In Fachkreisen längst bekannt, erregt der streitbare Psychoanalytiker und Philosoph zunehmend auch bei einem breiteren Publikum Aufmerksamkeit. Seine Ausführungen über Marx, Kant, Freud, Adorno, Arendt, Foucault, Honneth u. a. bieten sowohl eine Einführung in Schlüsselthemen der Gesellschaftskritik und Psychoanalyse als auch einen Einblick in die wechselseitigen Auseinandersetzungen und Kontroversen.




Leseprobe:

Hans Loewald: Ein radikaler Konservativer (S. 105-106)

In der amerikanischen Psychoanalyse ist offenbar eine Loewald-Renaissance im Gange (vgl. Chodorow 2001).1 In einer Zeit, die dem Sektierertum der Vergangenheit mit Argwohn begegnet, lässt sich Hans Loewalds Attraktivität für Analytiker, die unterschiedliche, ja sogar gegensätzliche theoretische Positionen vertreten, unschwer nachvollziehen. Loewald war ein eminent nichttendenziöser Denker, dessen Schaffen dem Aufstieg des Pluralismus in der Psychoanalyse zwanzig Jahre vorausging.

Sein Bemühen, dem Wahrheitsgehalt einer jeden von ihm besprochenen Position Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, wird zum Beispiel in seiner bemerkenswert unparteiischen Rezension des Briefwechsels zwischen Freud und Jung (Loewald 1980 [1977]) augenfällig. Doch Loewalds undogmatische Sensibilität – sein »prophetischer Ökumenismus«, wie Friedman (1991: 93) es ausdrückte – sollte nicht als Theoriescheu, oftmals die Kehrseite des Pluralismus, verstanden werden. Seine Besprechung von Arlow und Brenner (Loewald 1980 [1966]) sowie seine Kritik an Hartmanns Konzept der Neutralisierung (Loewald 1988b: 20 f.) verdeutlichen, dass er nicht davor zurückschreckte, dezidiert Position zu beziehen. Obgleich ökumenisch, war er kein Eklektiker.

Loewalds Œuvre zeichnet sich durch einen hohen Grad an Systematisierung und synthetischer Stoßkraft aus, die der zeitgenössischen Psychoanalyse gemeinhin fehlen. Synthese steht nicht nur als Konzept im Mittelpunkt seiner Theorie, sie manifestiert sich auch in seinem Werk. Loewald versucht die binären Gegensätze – die Aufspaltungen in theoretische Lager –, die die psychoanalytischen Kontroversen immer wieder erstarren lassen, methodisch zu transzendieren. So nehmen ihn zum Beispiel nicht nur die Vertreter der relationalen Psychoanalyse, sondern auch die Strukturtheoretiker für sich in Anspruch.

Doch Loewalds Psychoanalyse hätte ihren Teil dazu beigetragen, den Gegensatz zwischen den beiden Positionen aufzuheben (vgl. Friedman 1991: 93, Fogel 1996). Die Vertreter der relationalen Psychoanalyse behaupten zu Recht, Loewald sei einer der ersten Nachfolger Freuds gewesen, die am Modell des psychischen Apparats als »geschlossenem System« (Loewald 1986a [1960]: 211) Kritik geübt, die Rolle der »Interaktion mit der Umwelt« (ebd.: 209) in der Entwicklung und in der Analyse unterstrichen und das Modell der leeren Leinwand der analytischen Neutralität abgelehnt haben. Zur selben Zeit heben die Strukturtheoretiker zutreffend hervor, dass er beharrlich an der »Sublimierung und echten Ich-Erweiterung« (Loewald 1980 [1977]: 416) als Entwicklungs- und Behandlungsziel festgehalten habe.

Loewald vertrat den Standpunkt, dieses Ziel sei durch die strukturbildende Verinnerlichung des Objekts der Interaktion erreichbar: »Die Entwicklung einer Ich-Funktion hängt von Interaktionen ab« (1986a [1960]: 217). Mit anderen Worten, er war überzeugt, dass Interaktion und Strukturbildung die beiden Seiten ein und desselben Prozesses darstellen. Sollte seiner Position eine Tendenz innewohnen, so weist sie eher in die Richtung von Autonomie und Individuation als in die von Bezogenheit und Wechselseitigkeit als Entwicklungszielen. Doch selbst hier werden wir sehen, dass er mit diesen Normen nicht unkritisch umgeht. Eine Reihe von Interpreten (Friedman 1991, Schafer 1991, Teicholz 1999, Fogel 1996, Greenberg 1996, Lear 1998b, Mitchell 2003 [2000]) versucht den Grad von Radikalität und Konservatismus in Loewalds Werk zu bestimmen.

Aber auch unter diesem Blickwinkel widersetzt sich sein Denken einem Entweder-oder. Die Art, wie er das Verhältnis von Tradition und Neuerung begreift, beruht auf seinem Verständnis des Ödipus- Komplexes (Loewald 1986a [1971a]: 68–71 und 1986a [1979b]: 380–390). Als psychosexuelles Entwicklungsstadium fasst er ihn zugleich unter dem allgemeinen anthropologischen Aspekt der Aneignung von Reife und Individualität, die das Individuum auf dem Wege seines konflikthaften Hineinwachsens in eine Tradition zu leisten hat.

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